Chákara

Hier sitze ich. Schon wieder. Irgendwo in Südbrasilien. Viele tausend Kilometer sind an mir vorbeigezogen, Monate vergangen. Und hier sitze ich… Mein Montagmorgen könnte auch anders aussehen, doch hier sitze ich!

Wie bin ich hier hergekommen? Banale Antwort: Mit dem Auto. Zeitensprung! Es ist irgendwann Ende Januar. Meine Zeit in Paraguay neigt sich dem Ende zu. Ich möchte mein mittlerweile gewohntes Umfeld verlassen, in das mir Unbekannte aufbrechen und darauf vertrauen das Mensch & Maschine dass aushalten. Grenzgang. Mich trennen nur einige hundert Kilometer von der nächsten brasilianischen Grenze. So rollt mein Panzer mit gemütlichen 80km/h auf Foz do Iguazu.  Den Übertritt bemerken wir kaum. Aktives Wegschauen ist bei den Grenzern heute wohl angesagt. Doch so leicht sollen wir es dann doch nicht haben…  Der Eintritt war geschenkt, doch alltägliches kostet hier auf einmal Kraft! Geld abheben, Tanken, nach dem Weg fragen, Zwischenmenschliche Kommunikation, … Ich fühle mich wie auf einem anderen Stern, auf dem keiner meine Sprache sprechen möchte. Unbehagen kommt da in mir hoch. Ich hier alleine, nur auf 4 Räder gestellt. Doch meine Zweifel werden durch die Wassermassen von Itaipu einfach weggespült. So finde ich die Zuversicht mich weiter vorzuwagen. Ins Landesinnere. Hier kommt mir vieles bekannt vor. Die Landschaft ist ein Spiegel der Bevölkerung – Vielfalt pur.  Und diese hat verdammt viel Platz hier unten! Meine allabendliche Streckenplanung führt zu wiederkehrender Verwunderung. 6 Stunden Fahrt und doch keinen Schritt weiter auf der Landkarte… Doch so bewege ich das Lenkrad und die Zeit bewegt mich. Wenn Asphalt in Zeitlupe vorbeizieht und das Radio verstummt, bin ich für einen Moment überall in meinem Kopf – nur nicht in Brasilien. So denke ich mich von Ost nach West. Eines Abends ist es dann soweit, ich parke vor einer Düne – nehme mir einen Stock aus dem Farn und wandere Barfuß drauf los. Der Boden bebt, die Luft ist feuchtwarm und so stehe ich still. Gestützt auf mein Holz. Ohne dieses würde es mir die Füße wegziehen. Doch nicht der Brandung wegen. Dieser Moment. Wie lange habe ich auf ihn gewartet? Wie oft blieb mir in Asuncion die Luft weg? Wieviel Zeit /-(R)aum trennt mich von dem letzten Mal das ich Salz auf meiner Haut spüren durfte? Gefühlt unendlich. Meer in Sicht! Das war mein Treibstoff auf den letzten 1.500km über Land. Ich harre aus, ich genieße. Doch es zieht mich weiter nach Norden. Denn bald warten 23kg Nachschub,  getragen von 63 kg Lebendgewicht, aus Deutschland auf Abholung in Sao Paolo. Die Mission wird zum vollen Erfolg. Und was folgt sind 3 Wochen Auszeit irgendwo zwischen Sao Paolo und Rio de Janeiro. Return. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Zeit drängt könnte ich meinen. Wieso? Ein Teil meines Weges liegt bereits hinter mir… Doch vor mir liegen 5.000km Strecke gen Süden. Und ich spiele auf Zeit. Der Sommer neigt sich dem Ende zu, der Herbst kommt und mit ihm steigen die Chancen auf Schnee. Mein Feind! Wenn die Pässe schließen, dann mein Tor nach Feuerland sich ebenso.

Doch abwarten und Kaffee trinken. Genau das tue ich hier und jetzt auf Chákara.