Iemanja

Hernan wundert sich im Vorbeilaufen über die vielen Stellen an denen Wasser ins Haus eindringen kann. Seit Monaten hat es nicht mehr geregnet. Nun tropft es auch auf die Armlehne dieser Couch… Wen wunderts, wir sitzen am Südatlantik. Der Regen quillt durch das Dach des Wintergartens. Eine Plastikplane. Nicht mehr als diese, sowie deren tragende Holzkonstruktion trennen uns baulich vom Meer. Von dem Wind der ablandig bläst, schützen uns tausende Kubikmeter Sand der Düne die uns umgibt. Wenn das Getöse der Brandung unter dem Prasseln des Regens verschwimmt, bleiben nur noch die Donnerschläge als Bassisten im Gedächtnis. Furchteinflößend. 23, 24, 25…und man meint es reiße den Himmel auseinander. Da hilft entweder vom „Haus“ ins Auto rennen, oder ins immergrün des Innengartens zu blicken. Magisch was 20 Jahre autonomes Leben hier ansammeln können. Was das Meer gibt, wird gegessen. Was es anspült wird an die Wand genagelt. Umwerfend. In weiß an hellblaue Holzbretter geschrieben: Iemanja. Blitz, blitz, blitz.

 

 

Dieser Duft aus fermentierenden Palmfrüchten und dem der blühenden ältesten Nutz- und Zierpflanzen dieses Planeten. 3 Monate sind vergangen. Eine ganze Saison. Dieses Mal mit 145 statt 1 PS die Düne rauf, direkt vor die Tür. Vom nächsten Stück Zivilisation / Asphalt trennen uns 3km Sand. Was ein Gelände! Meer, Strand, Düne, Nadelwald. Wenn das Meer nicht gerade tobt ist dessen stetiges sanftes rauschen im Hintergrund ein rezeptfreies Schlafmittel. Dieser Ort ist wild und doch sanft zugleich. Ich komme der Magie wegen wieder. Andere, die kamen – um zu bleiben – hatten meist nicht die Wahl. Die Flucht vor Drogen, der Gesellschaft oder dem Staat brachte viele dazu hier ihre Pfähle in den Sand zu rammen. Doch diese wanken. Jeden Tag kann eine Welle kommen, oder der Bulldozer. Kein Korn Sand ist hier privat. Die Menschen die diese Dünen besiedeln, besetzen sie zugleich. Wasser aus dem Brunnen, Strom vom Dach und das Essen aus dem Meer. Ein wahrlich autonomes Leben. Die Kehrseite der Medaille? Wenn wir in Deutschland mit dieser Selbstständigkeit nicht mehr klar kämen, gäbe es ein Netz. Staat, Freunde, Familie… Wer hier fällt, den fängt keiner. Man könnte meinen die Lebensumstände hier draußen vereinten die Leute. Das Gegenteil ist der Fall. Die Abgeschiedenheit macht die Menschen zu Einsiedlern. Credo: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Eines Morgens stehe ich im Vorgarten eines Mannes namens Sergio. Er lädt mich auf einen Mate ein. Wir sitzen also zusammen und schlürfen das heiß geliebte Getränk der Uruguayos. Langsam fängt er an von sich zu erzählen. Er sei Anfang 50, habe 4 Kinder und lebe hier mit seiner Exfrau schon Jahrzehnte. Der übermässige Alkohol- und Opiumkonsum hätten ihn vor langer Zeit hierher gebracht. Dies hier sei sein zweites Haus – eine Hütte von nicht mehr als 20qm. Als ich ihn frage wo denn das andere stehe zeigt er schweigend aufs Meer. Vergangenes Jahr kam das Wasser eines Nachts in sein Schlafzimmer. Alles was er retten konnte, war die Kleidung die er trug und seine Kettensäge. Der letzte Winter sei hart gewesen, wie er meint. 5 Monate Reis und Bohnen. Aus Respekt vor so viel Willenskraft kämpfe ich gegen die aufkommenden Tränen an. Wie soll ich auch heulen wenn er grinst? Ich verspreche wiederzukommen. Auf dem Weg zurück am Strand bin ich nicht mehr ganz bei Sinnen.

Ich kehre zurück in das Haus des Mannes der wie er sagt, sich selbst zum Mann machte. Wie er das meint? Die Geschichten von Hernan und Sergio gleichen sich… Nach einem Knick in der Lebenslinie fand er sich im jungen Erwachsenenalter auf der Straße wieder. Seine Nahrung fand er in den Abfällen anderer und das pure Glück in Spritzen.

Seinen persönlichen Ausweg aus dieser Einbahnstraße fand er hier in Valizas an diesem Strand. Hier baute er sich seine Existenz aus Treibholz auf und dieses hält ihn nun seit mehr als 20 Jahren über Wasser.     

Abends am Feuer spreche ich Hernan auf Sergio an. Von der Antwort zehre ich noch Wochen: „Wir bestimmen nicht was wir haben.“ Man muss die Menschen kennengelernt haben um alle Ebenen dieser Aussage begreifen zu können. Wäre Hernan in Deutschland auf der Straße gesessen, hätte ich ihm im vorbei Gehen vielleicht eines Blickes gewürdigt.                    

Hier verändern 2 Wochen Begegnung mehr als ich be-schreiben kann. Als ich vom Strand rolle, nehme ich mehr mit als mein neues Fischernetz…